Fachtag Tierpädagogik

 

Wie jedes Jahr fand auch 2017 die Fachtagung „Tiere als pädagogische und therapeutische Helfer“ beim LWL-Bildungszentrum Jugendhof Vlotho (07./08.09.)statt. Mittlerweile ist diese Veranstaltung schon eine feste Tradition, zu der zum 15. Mal eingeladen wurde.

 

Wir konnten mit drei Tierpädagoginnen aus unserer Einrichtung teilnehmen und freuten uns schon im Vorfeld auf diese Veranstaltung, die immer sehr professionell und liebevoll organisiert ist. Der Ort  ´Auf der Burg´ in Vlotho ist ein schöner Standort oberhalb des Ortes im Wald.

Eine Mischung von Vorträgen und Workshops aus Praxis, Theorie, Wissenschaft und Ethnologie wechselten sich ab.

Jedes Mal ist die Leiterin des Institutes  für Soziales Lernen mit Tieren, Ingrid Stephan, dabei, die dieses Jahr den Fachtag mit einem Vortrag über Tiertraining begann. Frau Stephan ist mittlerweile eine Koryphäe in diesem Bereich und hat sehr viel dazu beigetragen, den Bereich der tiergestützten Pädagogik und Therapie in Deutschland zu etablieren, wissenschaftlich zu fundieren und eine qualifizierte Fortbildung zu ermöglichen. Daher möchte ich ihr auch hier etwas mehr Raum in meinen Bericht geben.

Berichtet sie von ihrer Arbeit mit Tieren, der Beziehung zwischen Mensch und Tier und die positiven Auswirkungen des Miteinanders leuchten ihre Augen und man spürt deutlich ihre Begeisterung und ihren Enthusiasmus.

Sie gab dieses Mal einen Einblick in die Entstehung des Tiertrainings und den grundlegenden Aspekten eines positiven und erfolgreichen Trainings. Hierbei bin ich immer wieder erstaunt, wieviel Parallelen auch in der Übertragung zum Menschen und unserer Arbeit zu finden sind. Auch wir müssen darauf achten, nicht zu viel zu verlangen und in kleinen Schritten unsere Klienten in Bezug auf Veränderungen zu begleiten. Lernen muss positiv besetzt sein und nicht zur Überförderung führen, damit unsere betreuten Kinder wie auch die Eltern motiviert bleiben und bereit sind, neue Wege zu beschreiten. Anhaltender negativer Stress (Disstreß) ist kontraproduktiv und blockiert. Lernen und die Bereitschaft für Veränderung basiert auf Vertrauen/ Bindung, positiven Erfahrungen zum Aufbau des Selbstbewusstseins und muss die individuelle Persönlichkeit berücksichtigen.

 Es wurde  sehr deutlich, dass dies bei jedem Lebewesen gleich ist. Auch im Falle des Tiertrainings ist eine gute, stabile und vertrauensvolle Beziehung zwischen Tier und Tierhalter ausschlaggebend. „Tiere spiegeln Verhalten und Fehler ihrer Tierhalter wieder. Nur wer sich selbst gut reflektiert, kann positiven Einfluss nehmen.“

Im Workshop von Frau Stephan betrachtete sie mit uns  die unterschiedlichsten Haus- und Nutztiere mit ihren speziellen Möglichkeiten eines tiergestützten Einsatzes. Hierbei wies sie auf die Wichtigkeit hin, die speziellen Talente der Tiere, ihre Persönlichkeiten, ihren Hintergrund (z.B. bei Tieren aus dem Tierschutz)  und ihrem Alter zu berücksichtigen.  Es fing mit den Schweinen an, die gerne in Beziehung gehen und absolute Genießer sind. Wir befassten uns mit den Schafen als Herdentiere, die keine Angst vor Nähe haben, den Ziegen als große Individualisten, den Kleintieren wie Meerschweinchen und Kaninchen, die wenig Ängste auslösen, Hühner und Enten, die bemerkenswerter Weise gut trainierbar sind, natürlich dem Hund als Freund des Menschen, mit dem wunderbar kommuniziert werden kann und dem Esel, der ganz entgegen der weitläufigen Vorurteile, klug, tapfer und ruhig ist und uns zur Kooperation nötigt. Den Abschluss übernahmen die Rinder, die alleine durch ihre Größe Grenzen aufweisen, aber auch gerne Nähe zu lassen, wenn man in eine artgerechte Interaktion mit ihnen geht.

Sehr praktisch war der Workshop von Charlotte Darga mit ihrem Pudel Kaspar, die viele tiergestützt e Projekte in ihrer Schule wie auch in ihrer selbständigen Tätigkeit anbietet. Bei ihr bekamen wir viele praktische Ideen vermittelt, die vielleicht auch wir in unserer Arbeit mit unseren Hunden integrieren könnten. Bei  so viel Input und Spaß mit dem kleinen Kaspar verging die Zeit wie im Fluge. Im Anschluss machten wir uns über ihren Methodentisch her und durften alle Anregungen abfotografieren. Einfach toll!

Am zweiten Tag  begleitete uns leider das schlechte Wetter. Und das obwohl doch die Esel und das Arbeiten mit ihnen, natürlich im Freien, auf dem Programm stand.

Gestartet wurde der Tag jedoch mit einem Vortrag von  Christian Peitz, ehemaliger Mitarbeiter des LWL-Bildungszentrums. Er bereicherte  auch schon in der Vergangenheit die Fachtagung mit Einblicken in die Literatur (auch gerne Kinderbücher), die den Blick auf das Tier, die Mensch-Tier Beziehung wie auch Symbolik in Märchen und Fabeln beinhaltet.  Dieses Mal gab er einen ethnologischen Rückblick in die Entwicklung unserer Beziehung zur Natur und zu den Tieren. Hierbei wurde uns sehr deutlich bewusst gemacht, wie wir uns immer mehr von unserer natürlichen Verbundenheit mit der Natur und deren Nutzung entfernen.  Die Natur ist aus seiner Sicht vom DU zum Es geworden. Ein Zeichen hierfür ist unsere geringe Wertschätzung im Umgang mit unseren natürlichen Ressourcen. Beispiele sind, die wir alle kennen, die Rodung der Tropenwälder, die Massentierhaltung und die Produktion im Überfluss. Wer kennt heute schon noch das Schwein, dessen Schnitzel auf unserem Teller liegt?

Svenja F. Grün, Mitarbeiterin des Institutes für Soziales Lernen, nahm das Thema Tiertraining noch einmal vom Vortag auf und spezifizierte es auf das Training mit Hunden. Sie benutzte z.B. praktische Übungen für uns Teilnehmer, um Gedanken hierzu zu verdeutlichen und zu veranschaulichen. Begleitet wurde sie durch ihren Hund Mia, den sie aus dem Tierschutz aufgenommen und selbst erfolgreich trainiert hatte.

Und dann kamen endlich die Esel, auf die ich schon sehnlichst gewartet hatte. Das Ehepaar Terhüne, das ein Therapiehof in Hamm aufgebaut hat, stellte uns ihre Eseldamen Mona und Kimmi vor. Mona hat gleich mein Herz erweicht und mit ihrem Kuschelbedürfnis große Freude bereitet. Nach einer kurzen theoretischen Einführung konnten wir draußen in zwei Gruppen einen Parcour mit den Eseln bewältigen. Ganz klar - mit Ziehen und Zerren kommt man mit Eseln nicht weit.  Zuspruch, Motivation und Lob sind die Wege, die zum Ziel und zu ganz viel Spaß führen.

Abgerundet wurden die zwei Tage mit einem kurzen Vortrag der Ärztin Prof. Dr. Nadia Torniepoth, die ebenfalls noch einmal deutlich darauf hinwies, dass die Abkehr von der Natur krank macht. Neue Krankheiten  sind entstanden oder haben sich vermehrt, im physischen und psychischen Bereich.

Sie sieht in der Wiederherstellung der Mensch-Natur-Beziehung eine Heilungsmethode, die heute in den Begriffen ecotherapy oder Green Care sich wiederfinden. Es sind viele neue Therapieformen entstanden, die diese Wirkung aufgenommen haben und danach arbeiten. Es gibt mittlerweile eine Waldmedizin, eine Gartentherapie, Pflanzengestützte Gesundheits- und Krankenpflege, heilende Gärten, Outdoorpädagogik, Wildnistherapie und natürlich tiergestützte Interventionen.

Prof. Dr. Torniepoth zeigte die Wichtigkeit auf, die Rückkehr zu den „alten“  Beziehungsformen zur Natur zu unterstützen. Sie sind eine große Chance für uns  Menschen wie auch unsere natürliche Umgebung.  Green Care in Verbindung mit Ritualen können einen Beitrag leisten, indem sie Sicherheit vermitteln  und eine Gesundung unterstützen.

Mit vielen neuen Eindrücken, Ideen und Motivation konnten wir den Fachtag verlassen und freuen uns jetzt schon auf das nächste Jahr, wenn es wieder für uns heißt, uns dem Thema Tiere als pädagogische und therapeutische Helfer für 2 Tage zu widmen.

 

Michaela Aldag, 11.09.2017

 
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